Vorspann

Wir trafen uns in der folgenden Zeit öfter. Sie zeigte mir etliche ihrer alchemistischen Kniffe und half mir, meinen Tränken noch den einen oder anderen Effet  zu geben. Ich wiederum konnte ihr einiges über Schwarzpulver und andere explosive Mischungen beibringen und über das Geheimnis mancher Innerei, um ihre alchemistischen Künste zu komplettieren.

Dieser seltsame Moment

Nach einem dieser Kommunikationsfeuerwerke gelangten wir zu einem dieser seltsamen Momente, wenn es plötzlich still wird.

Staunen, wenn zwei Paar Augen gegenseitig
in den Abgrund des anderen schauen.
Schmiegen, wenn zarte Berührungen jedes Härchen elektrisieren.
Schweben, wenn Lippen zart aneinander nesteln, Finger sacht über die Hüfte gleiten, als wanderten sie über die Hügel einer abendlichen Landschaft.
Schmelzen, wenn Zungenspitzen verliebt Tango tanzen.
Schaudern, wenn dich Füße kühl berühren, zitternde Blütenblätter eines Schneeglöckchens.
Schweigen, wenn sich der Verstand leise zurückzieht und da plötzlich nur noch Gefühl ist.

Der Derwisch dreht sich nicht mehr, da sich die Welt längst um den Derwisch dreht.

Brennen, wenn dich in diesem Sinnesgetöse zwei vor Macht und Genuss funkelnde Augen beobachten, während die weit gespreizten Flügel im Licht der Kerzen sanft glänzend zittern.
Beben, wenn der Acker deines Rückens von spitzen Pflügen blutrot gewendet wird, die Lava tief aus dir emporkocht, ohne dass sie noch jemand aufhalten könnte.
Bäumen, wenn pulsierend alle Kraft aus dir schwindet, eine leere Hülle und das Zittern süßer Fieberträume unter dem Bogen deines Leibes.

Frühling

Das gesamte Frühjahr verlebten Lilith und ich wie im Rausch. Sie hatte mir viel aus ihrer Lebens- und Gefühlswelt erzählt. Scheu und zurückgezogen lebe sie. Die meisten Menschen seien ihr fremd. Erstaunt war ich zu hören, welches Unbehagen sie normalerweise dabei empfindet, von anderen berührt zu werden oder andere zu berühren. Sie erläuterte mir, dass die meisten Gerüchte über das Treiben von Succubi die reinsten Hirngespinste seien und es eigentlich nur der Essenz sexueller Träume bedürfe, um sie am Leben zu erhalten. Diese Essenz sei für sie wie das Essen und Trinken beim Menschen.

Ihr zufolge praktizierten manche Kolleginnen tatsächlich Rituale, die weit über ihres hinausgingen – dieser Punkt war ihr sichtlich peinlich und unangenehm. Umso mehr zeigte sich der Stolz in ihren Gesichtszügen, als sie mir das aufwendige Verfahren schilderte, wie sie durch verschiedene alchimistische Zutaten und Prozesse den Effekt der Traum-Essenz um ein vielfaches steigern konnte und dadurch nur noch ein bis zwei Mal pro Woche auf dem Dach eines Hauses sitzen musste, um die Träume der Schlafenden zu manipulieren und abzugreifen. In letzter Zeit sei es eigentlich kaum noch vorgekommen, dass liebestolle Schlaflose verwirrt in den Ruinen des alten Dorfes nach ihr gesucht hätten.

All ihre Warnungen und Schilderungen, was ihr angenehm und vor allem, was ihr alles unangenehm sei, gipfelten in dem Satz, es sei eigentlich die denkbar schlechteste Idee, sich in sie zu verlieben. Sie wolle von niemandem abhängig sein und habe sich eigentlich damit arrangiert, letzten Endes immer allein zu leben. All diese Warnungen zerstoben in meinem Geist jedoch wie Morgennebel im Sommer, weil sie genau das Gegenteil zu tun schien, was sie sagte, ja, mich sogar in meinem Eifer manchmal noch übertraf.

Zu Hause

Ich liebte ihre mit tödlichen Zaubern geschützte Wohn-Höhle, die sie in miteinander verbundenen Keller-Räumen des alten abgebrannten Dorfes eingerichtet hatte. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an  den dunklen damastenen Tüchern überall, den gusseisernen Kerzenständern, den kunstvoll mit Schnitzereien verzierten Schädeln von Ratten, Katzen und Hunden. Fasziniert studierte ich ihre großformatigen, in Rindsleder eingebundenen Folianten, außen mit Metall-Ornamenten verziert, deren Texte innen von üppigen Buchmalereien nur so überborden.

Jede freie Minute versuchte ich mit ihr zu verbringen, lag wie ein in einsamer Dürre Verdurstender wohlig grunzend unter der Quelle ihrer Zuneigung und merkte nicht, dass ihr Schlaf täglich unruhiger wurde.

Gefühliges Tröpfeln

Während es draußen sommerlich heiß wurde, kühlten die Gefühle etwas ab. In diesen Tagen schloss ich mich oft ihrer Suche nach alchemistischen Zutaten an. Diese verarbeitete sie dann in ihrem Höhlen-Labor, gesteckt voll mit allerhand bauchigen Gläsern, Mörsern und Stößeln, Retorten und dem Athanor in der Ecke. Sauber in Phiolen abgefüllt oder in Tigelchen verstaut verkaufte sie ihre Erzeugnisse schließlich in Gestalt einer alten Frau auf dem Markt.

Manchmal, wenn ich auf einem Gipfel einem Bergraben hinterherjagte um ihn um einige seiner Federn zu berauben, schalt ich mich selbst. Sollte ich nicht längst wieder losziehen, Aufträge annehmen, das tun, was ich am besten kann? Sollte ich nicht Monstren jagen, statt mich hier zum Narren zu machen, um einfach nur in ihrer Nähe zu sein. Es fühlte sich einfach so gut an.

Während der großen Hitzeperiode war Lilith eine Weile verreist. Nach ihrer Rückkehr schlüpfte sie in meinen Traum, und bat mich, zur gewohnten Stunde zu ihrer Höhle zu kommen. Es gebe Wichtiges zu besprechen.

Kiesel unter den Füßen

So stehe ich nun hier, in der Dunkelheit, im alten abgebrannten Dorf

Nachdem ich mich nochmals vergewissert habe, dass sich niemand in Sichtweite befindet, schleiche ich über ein paar Umwege in eine der verfallenen abgebrannten Hausruinen. Unter den Resten einer ins Nirgendwo führenden Holztreppe  finde ich in der hinteren Ecke der ehemaligen Küche die Stelle im Boden, die mich interessiert. Vorsichtig deaktiviere ich in einer inzwischen zur Gewohnheit gewordenen Reihenfolge zwei magische Siegel. Dann muss eine in den Boden eingelassene Hebelvorrichtung entsperrt werden, indem behutsam einzelne Stifte, eins, zwei, drei, in eine bestimmte Position gebracht werden. Jede einzelne dieser Fallen würden selbst mich als Hexer an die Schwelle des Todes bringen. Ich schaue mich abermals vergewissernd um und hebe dann vorsichtig die mit Sand und Ruß fast unsichtbar gemachte Falltür.

Die Höhle

Mit der fünften Treppenstufe nimmt der Geruch nach verbranntem Holz langsam ab. Ich genieße den für Liliths Behausung so unverwechselbaren Geruch: Flieder, mit einer erdigen Note. Nachdem die Luke über mir wieder in ihrer Verankerung verschwunden ist und ich mit einem Hebel die Sicherung wieder aktiviert habe, rufe ich:

„Einen wunderschönen guten Abend!“ Natürlich hat mich Lilith mit ihren feinen Ohren schon zu einem Zeitpunkt wahrgenommen, zu dem ich noch konzentriert Bolzen in Vertiefungen gleiten ließ.

Langsam warte ich, bis sich meine Augen an die von ihr bevorzugte spärliche Beleuchtung gewöhnt haben. Karg ist dieser erste Raum, wohl weil sich nach wiederholten Kämpfen mit Eindringlingen jeglicher Zierat als überflüssig erwiesen hat. Leise schlage ich einen dicken Brokat-Vorhang zurück und stehe nun in der Labor-Küche, die quer über den Raum verteilt von bereits heruntergebrannten Kerzen erhellt wird.

Anders

Sonst hat sich mir Lilith immer ganz kurz mit einem Lächeln zugewandt, um dann sofort wieder leicht gebeugt in Geschäftigkeit zu versinken. Heute aber geht sie auf mich zu, gibt mir einen Begrüßungskuss und fordert mich mit einer Geste auf, ihr ins Wohnzimmer zu folgen.

Während ich mich wie immer auf einen kunstvoll bespannten sanft geschwungenen Sessel niederlasse, bleibt sie unruhig stehen und im Schein der Kerze erahne ich, dass ihr Gesicht noch ein bisschen bleicher ist als sonst. Etwas druchsend versucht sie einen Einstieg ins Gespräch zu finden: „Nun, warum ich dich hergebeten habe… ich hatte auf meiner Reise viel Gelegenheit nachzudenken. Du hast ja vielleicht selbst meine zunehmende Schlaflosigkeit bemerkt in den vergangenen Wochen und Monaten…“

Wir statt ich

Sie unterbricht sich selbst, als wolle sie die zunächst eingeschlagene Strategie ändern: „Du weißt, du warst mir schon lange lieb und teuer und, wenn es nach mir geht, dann möchte ich das noch für sehr lange Zeit so bewahren. Du wirst immer jemand sehr Besonderes in meinem einsamen Leben sein. Du bist…“ An dieser Stelle senkt sich ein dumpfer Vorhang über mich, der etliche, all zu vorhersehbare Worte verschluckt, während er einzelne Phrasen an mein Ohr dringen lässt. “Es erdrückt mich…“, „eine Seite von mir will diese Erwartungen erfüllen“, „…Routine…“.

„Du bist zu einem seltsamen ‘Wir statt ich’ mutiert! Dieses ‘Wir’  kann es so für mich nicht geben. Ja, ich genieße die Zeit mit Dir. Im Schlaf aber, wenn mein Alter Ego die Kontrolle übernimmt, dann schrecke ich hoch. Alpträume quälen mich, hindern mich am einschlafen, treiben mich um und lassen mich wach liegen.”

Versteinert sitze ich da, höre ihre Worte, aber deren Inhalt nehme ich nicht mehr wahr, fühle mich ganz taub und merke gar nicht, dass sie am Ende ihres Monologs angekommen ist und mich erwartungsvoll ansieht.

Aber

Ich stammle Sätze, die mit „Aber“ beginnen, versuche mehr schlecht als recht meine Theorie von einer Schicksalsgemeinschaft verständlich zu machen. Das sei doch eine Gemeinschaft, die sich eben nicht auf sich selbst konzentriert, sondern die Ruhe und Kraft entwickelt, dass beide ihre Vorhaben besser umsetzen können!

Noch während ich rede, wird mir klar, dass ich genau das Gegenteil von dem praktiziere, was ich da beschreibe, in meiner Rede von Freiheit, von sich Luft lassen, von gegenseitiger Unterstützung bei den Vorhaben des anderen.

Ja, sie hat Recht! Sie hat Recht mit jedem verdammten Wort.

Raus

Getroffen von diesem seltsamen Erkenntnis erhebe ich mich wie ferngesteuert und klaube meine Habseligkeiten aus allen Ecken der Wohnung zusammen. Schon nähere ich mich dem Brokatvorhang zum gehen, als sie sich mir in den Weg stellt. “Jetzt lass mich doch nicht einfach so stehen! Was willst du denn jetzt unternehmen?”
Unternehmen? Tonlos lache ich. Nichts anderes als raus will ich hier. Allein will ich sein, nachdenken, den empfundenen Schlag verkraften will ich. Ich will mir leid tun.

“Mach dir keine Sorgen. Ich habe Erfahrung damit, voll des Selbstmitleids den Wirt um ein Fässchen Wein zu erleichtern. Irgendwann ist all der Frust, Ärger, Trotz und alles mögliche andere ausgekotzt. Dann betrachte ich mein Spiegelbild und sage mir, wie erbärmlich ich aussehe und was für ein jämmerlicher Wurm ich bin. Das wird dann bei Bedarf mehrfach wiederholt, bis ich meiner selbstmitleidigen verkaterten Visage vollends überdrüssig bin. ‘Reiß dich zusammen, das Leben geht weiter!’, lautet dann die Losung.”

Back to the friend zone

Nachdenklich kopfschüttelnd schaut sie mich an: „Ich will doch nur dieses seltsame Beziehungsding loswerden, dieses gruselige ‘Wir statt ich’. Das klingt nach spielenden Kindern, dem Häuschen im Grünen und vielen schlechten Kompromissen. Das will ich loswerden. Nein, ich bin ich und du bist du. Und das ist auch gut so. Klar! Wenn du das willst, dann lasse ich dich als den besonderen Freund gehen, als den ich dich über alles schätze. Vielleicht ist es ja doch irgendwie möglich, …“

„Wir werden sehen! Das geht sicher irgendwie. Im Moment weiß ich nur nicht wie. Lass mich bitte jetzt durch“, entgegne ich tonlos.

So schnell wie möglich lasse ich Vorhang, Treppe, Ruine, das verbrannte Dorf hinter mir. Weg vom Weg, entlang dem Trampelpfad, durchs Gebüsch. Ich lasse mein Bündel fallen und sinke mitten im stockfinsteren Wald auf einem Baumstumpf nieder. Leise starre ich vor mich hin. Ein Ghul, der wohl der irrigen Meinung war, eine leichte Beute gefunden zu haben, kommt meiner Klinge gerade recht. In drei saubere Stücke geteilt liegt er wenige Schritte entfernt im feuchten Gras. Ich lasse mich nach hinten ins Moos fallen. In einer Endlosschleife hat mir mein Gehirn ein endloses sadistisches Programm zusammengestellt. In Fragmenten wiederholt es immer wieder ihre Worte. Manchmal lache ich laut. Die Nacht wird bereits blau. Ich schließe die Augen.


In sehr loser Anlehnung an die wunderbaren Romane und Erzählungen von Andrzej Sapkowski und die Interpretation von CD Project Red.